Geschrieben von Markus G.Haben wir immer schon so gemacht und dabei bleibt es. Der Witz ist ja, das gerade das eigentlich nicht stimmt. In der Fläche hast du heute noch einzelne AGT herumlaufen, die ihre ersten Flaschen noch mit dem CM in der Hand geleert haben, womöglich damit sogar mal ein Feuer im Innenangriff löschen konnten. Dann kamen irgendwann die Hohlstrahlrohre, auch die PSA änderte sich, der Innenangriff war Hauptausbildungsthema über Jahre, und wie der Deutsche so ist: Wir können ja keine sanft kurvenden Korrekturen. Wir reißen das Steuer ganz herum, egal wieviele Wände drumherum sind. Wir robbten die Schulhöfe unserer Nation sauber, auf der drillmäßigen Suche nach der idealen 4-Sekunden-Wasserwolke des Sprühstrahls. Wir diskutierten darüber, bei welcher Wassertemperatur der Sprühstrahl die ideale Wärmebindung ermöglicht. Wehe, der Sprühwinkel hat nicht die 60° erreicht! Und im Maschinistenlehrgang war die Lösung für den idealen Pumpenausgangsdruck auch: Immer so, dass die Tröpfchengröße im Innenangriff ideal ist. Es wurden Standardeinsatzregeln, Standing Orders und Gebetsbücher rund um den Innenangriff gefüllt. Tenor war immer gleich: Vollstrahl ist böse, Außenangriff eh, und wer es wagte auf einem Foto erkennbar Wasser von außen recht gebündelt in ein Gebäude zu klatschen fand sich umgehend am aus Mehrzweckstrahlrohren gebauten Marterpfahl der Internetdiskussionen wieder. Bis irgendwer genau das plötzlich so gut fand, dass daraus neue Handlungsanweisungen schriftlich fixiert wurden. Man nannte es Fensterimpuls, und man sah dass es gut war.
Und jetzt sitzt der arme Angriffstrupp da vor der Türe des Zimmerbrandes. Der Oldie, der noch mit CM sein erstes Innenfeuer gelöscht hat. Der jüngere, der seit dem AGT-Lehrgang überlegt, wieso die tollen modernen Strahlrohre überhaupt einen Vollstrahl ermöglichen, braucht doch kein Mensch. Dahinter schiebt schon der Sicherheitstrupp, bestehend aus dem Allesleser, der sich fragt ob man das Feuer nicht durchs Fenster schon hätte ordentlich befensterimpulseln hätte können, wenn bloß mal einer die SER von 2014 überarbeitet hätte, und dem Physikprofessor, der insgeheim v.a. bezweifelt dass der Angriffstrupp die perfekte Wassertemperatur, Tröpfengröße und Sprühwinkeleinstellung dabei hat.
Irgendwann, wenn nix dazwischen kommt, sitzen wir alle in der Altersabteilung und sinnieren darüber, dass früher nicht alles besser war, aber eben auch nicht alles so falsch, und so manches in Teilen turnusmäßig auch einfach immer wieder kommt. Nicht nur rund um den IA. Jahrelang waren mancherorts D-Rohre und Feuerpatschen verpönnt, das lehren wir dann eben von neuem als die totale Innovation. Jahrelang war man der Ansicht bei jedem verunfallten PKW sofort die Batterie abklemmen zu müssen, weil sonst alles abbrennt, jetzt fahren wir den Sitz bequem nach hinten wo es Sinn macht...
Es wird nie verkehrt sein, in der Ausbildung auf einem aktuellen Stand der Technik und des Wissens eine gewisse Perfektion anzustreben. Es wird allerdings auch nie verkehrt sein, schlicht anzuerkennen, dass dann beim Realeinsatz vor der Türe des Zimmerbrandes ein paar AGT sitzen, die in ihrem Leben vielleicht ganze 1-5x in so einer Situation sitzen, 10min vorher noch sonstwo sonstwas veranstaltet haben und in der Hochphase ihrer Lernwilligkeit und Theorieaffinität zu Feuerwehrthemen derart unterschiedlich veranlagt sind, dass der eine den 60° Sprühwinkel mit 200l versuchen würde, während der andere mal gepflegt ein paar Sekunden ordentlich Vollstrahl und Durchfluss reinballert. Letztenendes haben es (gefühlt) beide schließlich schon immer so gemacht.
"Experten sind Leute, die 99 Liebesstellungen kennen, aber kein einziges Mädchen"
(Didi Hallervorden)
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